Der Philosoph Jochen Hörisch beschreibt mit seinem Werk “Gott, Geld, Medien“, theoretisch einige Grundlage meines praktischen künstlerischen Diskurses. In diesem kultur- und medienwissenschaftlichen Essay zeigt er die strukturellen Parallelen zwischen Religion, Geldwirtschaft und Medien in scharfer Analyse auf. Ich möchte das Gedankengebäude hier vorstellen, um in meinem künstlerischen Positionen darauf referenzieren zu können.

Die zentrale These dieses von mir sehr geschätzten Denkers lautet, dass Gott, Geld und Medien funktional ähnliche Rollen in unseren jetzigen Gesellschaften übernehmen: Alle drei stiften Vertrauen, ermöglichen Kommunikation über Abwesendes und regulieren komplexe soziale Beziehungen.

Trotz aller Gemeinsamkeiten stehen die drei Schein-Heiligen in harter Konkurrenz zueinander. Ja sie attackieren einander auf brutalste Weise: Als am 9.11.2001 selbsternannte Krieger Gottes live im linearen Fernsehen übertragen das hochsymbolische Zentrum des modernen Geldsystems mit ihrer terroristischen  Wahnsinnstat in Schutt und Asche legten, war dieses Beziehungsgeflecht deutlicher gezeichnet denn je.

Jochen Hörisch leitet in seinem brillianten Werk exzellent her:

  • dass Gott als metaphysische Instanz Sinn und Ordnung garantiert,
  • Geld als abstraktes Tausch- und Wertmedium wirtschaftliche Handlungen ermöglicht,
  • und Medien – von Schrift bis digitalen Netzwerken – Kommunikation organisieren und stabilisieren.

Alle drei Systeme beruhen auf Symbolen und Glauben (im Sinne von Vertrauen), und alle drei können Krisen erleben, wenn dieses Vertrauen beschädigt wird. Hörisch verbindet diese Analyse mit literarischen und historischen Beispielen und entwickelt so ein kulturkritisches Panorama, in dem die Grundlagen moderner Gesellschaften sichtbar werden.

Hörischs Kernthesen lauten:

 

  1. Gott, Geld und Medien erfüllen strukturell ähnliche Funktionen: Sie sind symbolische Ordnungen, die Vertrauen erzeugen, Komplexität reduzieren und soziale Kohärenz stiften.
  2. Alle drei Elemente beruhen auf „Transzendenzoperationen“:
    Gott vermittelt zwischen Menschlichem und Göttlichem.
    Geld vermittelt zwischen Waren und Werten,
    Medien vermitteln zwischen Sender und Empfänger.
    Alle drei machen Unvergleichbares vergleichbar.
  3. Moderne Medien übernehmen Funktionen, die früher Religion innehatte: Sinnstiftung, Gemeinschaftsbildung, Autoritätsproduktion.
  4. Geld ist ein säkularisiertes Glaubenssystem: Sein Wert beruht nicht auf Materialität, sondern auf kollektiver Glaubens- und Vertrauensleistung.
  5. Kommunikationsmedien sind strukturell mit Religion verwandt: Schrift, Druck und digitale Medien schaffen „Heilsbotschaften“, Autoritäten und Riten der Verständigung.
  6. Medienwandel erzeugt gesellschaftliche Umbrüche:
    Alphabetisierung schafft neue Formen der Subjektivität.
    Buchdruck initiiert die Reformation und bewirkt neue Autoritätsverhältnisse.
    Elektronische Medien kreieren neue Wahrnehmungs- und Machtformen.
  7. Alle drei Systeme arbeiten mit Abstraktion und Entmaterialisierung:
    Gott: spirituelle Abstraktion
    Geld: abstrakte Wertform
    Medien: technische Abstraktion von Stimme/Bild
  8. Die moderne Gesellschaft ist von medialen Selbstreferenzen geprägt: Medien thematisieren zunehmend sich selbst; ebenso reflektieren Geld und Religion ihre eigenen Funktionslogiken.
  9. Macht entsteht durch Kontrolle der jeweiligen Medien:
    Priester (Sinn)
    Banker (Wert)
    Medienakteure (Information)
    Sie steuern zentrale gesellschaftliche Ressourcen.
  10. Hörisch versteht Medien als anthropologische Konstanten: Menschen sind homo medialis-Wesen, die ihre Welt durch Mittler und Symbole ordnen.

Persönlich dankbar bin ich meinem treuen Freund Jürgen Berth. Er hat mich auf die Arbeiten seines Doktorvaters Hörischs aufmerksam gemacht.


Bibliografische Angaben:
Ersterscheinungstermin: 31.03.2004
Erscheinungstermin (aktuelle Auflage): 10.08.2017
Broschur, 239 Seiten, , Print on demand , Sprachen: Deutsch
978-3-518-12363-8
edition suhrkamp 2363

 

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