Es gibt eine Ironie, die so dicht ist, dass sie fast schon Kunst ist. Oder vielleicht ist sie Kunst. Jedenfalls: Die DDR hat Johann Wolfgang von Goethe auf ihren 20-Mark-Schein gedruckt. Und Goethe – ausgerechnet Goethe – hat das Geld im Faust als mephistophelisches Machwerk beschrieben.

Der Mann, der die Magie des Geldes literarisch wie kein zweiter durchleuchtet hat, wurde selbst zum Zahlungsmittel. Zum bedruckten Schein. Die Geister, die ich rief!

Willkommen bei Moneyfaces – meiner neuen ARTmoney-Serie.


Das Gesicht auf dem Schein

Dieser 20-DDR-Mark-Schein aus dem Jahr 1964 ist der Ausgangspunkt. Ein Stück Papier aus einem Staat, der nicht mehr existiert. Wertlos als Zahlungsmittel. Aber das Gesicht darauf – das ist alles andere als wertlos.

Goethe war für die DDR ein kulturpolitisches Instrument. Das sozialistische Regime beanspruchte das klassische Erbe für sich: Goethe, Schiller, Bach – alle vereinnahmt als Kronzeugen einer Kulturnation, die den Kapitalismus überwunden haben wollte. Weimar lag im Osten, also gehörte Goethe dem Osten. So einfach funktioniert Staatspropaganda.

Aber was dachte Goethe selbst über das, worauf sein Gesicht gedruckt wurde?


Mephisto erfindet das Papiergeld

Im zweiten Teil des Faust geschieht etwas Ungeheuerliches, das kaum jemand als das erkennt, was es ist: die erste große literarische Analyse des modernen Papiergeldes.

Mephisto überredet den Kaiser, Schuldscheine auszugeben – gedeckt durch unterirdische Schätze, die vielleicht existieren, vielleicht nicht. Das Volk ist beglückt, die Schulden des Hofes sind wie weggewischt. Die Druckmaschinen laufen. Wie es um die Deckung steht? Wen kümmert’s.

Goethe hat das als Teufelei beschrieben. Als Blendwerk. Als Schein ohne Substanz.

Und er hatte recht. Damals. Und heute.


Geld ist Glaube – nicht Substanz

Der Philosoph Jochen Hörisch, auf dessen Denken ich mich in meiner Arbeit beziehe, hat das auf den Begriff gebracht: Geld ist ein säkularisiertes Glaubenssystem. Gott, Geld und Medien erfüllen strukturell dieselbe Funktion – sie stiften Vertrauen in das Abwesende, sie machen Unvergleichbares vergleichbar, sie halten Gesellschaften zusammen durch kollektiven Glauben an ein Symbol.

Der Wert des 20-Mark-Scheines existierte, weil alle daran glaubten. Als die DDR aufhörte zu existieren, hörte auch dieser Glaube auf. Der Schein wurde wertlos – das Gesicht Goethes darauf blieb.

Das ist der Moment, in dem das Geld aufhört, Geld zu sein, und Kunst beginnt.


Die ARTMONEY-Methode

In meiner künstlerischen Arbeit verwende ich benutzte Geldscheine und arbeite mit digitalen Mitteln ihren ästhetischen Wert heraus. Es geht mir nicht um Nostalgie. Es geht mir um das, was sichtbar wird, wenn das Geld seine Funktion verliert: die visuelle Kraft, die politische Geschichte, das kulturelle Gedächtnis, das in jedem Schein eingeschrieben ist.

Das Goethe-Motiv setzt dieses Projekt fort. Und es erweitert es durch Reduktion: Abschneiden was stört, der Botschaft im Wege steht. Ich sprenge das Format und durch minimal-invasive ästhetisch-technische Eingriffe wird ein altes Bild neu erschaffen.

Mit den Moneyfaces focussiere ich, was auf Geldscheinen immer schon da war, aber meist übersehen wird: das menschliche Gesicht. Despoten, Denker, Dichter, Revolutionäre – die Gesichter auf Geldscheinen sind die Gesichter, denen eine Gesellschaft kollektiv vertraut. Erstaunlich, oder? Moneyfaces sind die Gesichter, denen Menschen ihren Glauben schenkt. Das Gesicht ist das Geld und verleiht ihm Kraft kollektivem Glauben seinen Wert.


Born in GDR

Ich bin 1971 in der DDR geboren. Dieser 20-Mark-Schein war für mich kein Spielgeld. Er war Realität, Alltag, systemischer Wertmaßstab. Goethe war Schullektüre und Staatsikone zugleich. Und ich konnte mir dem braunroten Goethe jede Menge Bastelkram, Fahrradersatzteile und ORWO-Filme kaufen!

Was mich heute interessiert: Goethe hat die spirituelle Dimension des Geldes verstanden und brilliant beschrieben. Seine Position war alles andere als die eines sozialistischen Weltbildes – sie war die eines Mannes, der Geld als magische, korrumpierende, transzendente Kraft erkannte. Dass ausgerechnet er auf den Scheinen eines Staates landete, der das Geld ideologisch bändigen wollte, ist eine der schönsten Pointen der deutschen Kulturgeschichte.

The final destination of money is art.

Moneyfaces #01 – Goethe ist ab sofort per Anfrage als limitierter Fotoprint (108 Exemplare) erhältlich. 

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